Ostfront / Westfront - Deutschland im Kalten Krieg

Anlässlich des Jubiläums ´20 Jahre Mauerfall´ widmet sich auch interfilm Berlin ausgiebig den Ereignissen zwischen Mauerbau und Mauerfall. Die Kurzfilmprogramme ´Schaut auf diese Stadt´, ´Ein Staat in Panik´, ´Stasi intim´, ´Alltag zwischen den Fronten´ und ´Rock the Wall´ werfen einen komplexen Blick auf die Zeit des Kalten Krieges, wie auch die Wettbewerbs-Premiere ´Grenzüberschreitungen´ und der Stadtspaziergang mit ´A Wall is a Screen´.

Zu den Programmen

Die Recherchen in diversen Archiven förderten außergewöhnliche Werke zu Tage: Das Ganze halt (Dieter  Mendelsohn, 1961, Progress-Film) legitimierte den Mauerbau als Angst vor westlichen Übergriffen auf die DDR seitens der BRD und wird dank der DEFA-Stiftung erstmals mit englischen Untertiteln zu sehen sein. Ebenso Barfuß und ohne Hut (1964), ein dokumentarisches Meisterwerk von Jürgen Böttchern über Jugendliche an der Ostsee. Nur ein Viertelstündchen (1964) gibt in satirischer Statistik Aufschluss über DDR-Visionen und die Bilanz der 60er Jahre, in der Glosse Hüben und Drüben (Walter Heynowski, 1964), steht der Mietwucher des Westens im Visier. Ein Fundstück (im Archiv des Zeughaus-Kinos) ist auch der Film Die Aussicht von Kurt Krigar (1921-2009), der 1966 mit dem Deutschen Filmpreis prämiert wurde. Die Dokumentation zeigt den Mauerbau an der Bernauer Straße in der Anfangsphase, als die Mauer noch aus Häuserresten bestand. (Bild: Progress Film Verleih)

Scharf geschossen wird in den filmischen Werken des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR aus dem Bestand der Birthler-Behörde. In den für interne Zwecke gemachten Schulungsfilmen wird die Zersetzung des Klassenfeindes geprobt. Grenzer erzählen von der Erschießung von ´Terroristen´ (flüchtende Bürger), Fluchtversuche wurden nachgestellt, in Revisor (1984) wird minutiös eine Wohnungsdurchsuchung und eine Verhaftung dokumentiert, und Praktisches Sicherheitstraining übt den Ernstfall am Beispiel des vorbildlichen Autofahrens. Den auf Super8 gedrehten, primär in den Programmen ´Ein Staat in Panik´, und ´Stasi intim´ zu sehenden Werken, wohnt eine befremdliche Authentizität inne. Man nimmt am Innenleben der Staatssicherheit bei. Bild und Ton sind bisweilen schlecht (der Ton ging manchmal verloren oder wurde im Wendeumbruch zerstört). Doch die oft subversive musikalische Untermalung und die perfekte Dramaturgie zeigen, dass die Staatssicherheit versierte Filmschaffende zur Seite hatte. Einige der neun gezeigten Beiträge wurden eigens für die Reihe Ostfront / Westfront gekürzt, die Filme werden erstmals mit englischen Untertiteln angeboten.

Der Unterdrückung durch die Staatsmacht folgte Widerstand: Politische Aktivisten wie Thomas Werner, Conny Klauss, Ramona Welsch oder Via Lewandowski nutzten Super8 sowohl als Kunstform als auch als Waffe wider die Staatsmacht. Einige mussten in Folge das Land verlassen. Den Werken ist noch heute Kraft, Wut und Verzweiflung zu entnehmen. Westliche Kritik, die in Filmen oft durch Aktionen am Mauerstreifen inszeniert wurden, gab sich verspielter, ironischer und moderner.

Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall ist das einstige Dilemma zwischen Staatskontrolle und Alltag noch keineswegs endgültig aufgearbeitet: Die aktuelle Dokumentation Marc Thümmlers Radfahrer (Bild) über die Verfolgung des Fotografen Harald Hauswald durch die Staatssicherheit belegt die Notwendigkeit des filmisch reflektierenden Umgangs mit der DDR-Vergangenheit, Freies Land (2008) wiederum zeigt den Druck des Staates auf eine Familie auf emotional sehr authentische Weise.

Außergewöhnliches und originelles Filmmaterial mit guter Musik führte zum Programm Rock the Wall. Darin sind neben klassischen Musikclips aus Ost (z.B. Silly und das Animations-Clip eines prominenten Pudhys-Songs) und West (Rio Reiser) auch ein ´Stasi-Hit´, Experimentalfilme sowie historisch interessante Aktionen an der Mauer vertreten. Das Programm führt vom Mauerbau zur Wiedervereinigung.

Spektakulär dürfte der Stadtspaziergang mit A Wall Is A Screen werden: Die Hamburger Kurzfilmaktivisten werden Hausfassaden in Leinwände verwandeln. Dabei bilden das urbane Umfeld sowie der Film – und in diesem Fall auch die nicht mehr vorhandene Mauer - eine Einheit. Der kostenlose Kurzfilm-Spaziergang  wird ca. sieben nahe zusammen liegende Stationen in Berlin Mitte ansteuern. Teilnehmen kann jeder, Passanten dürfen sich anschließen. Treffpunkt: 7. 11.2209 um 18 Uhr am Tränenpalast - Näheres hier

Zwei Video-Stadtrundfahrten richten sich ausschließlich an akkreditierte Festivalgäste und ans Fachpublikum: "Film in Berlin - Berlin im Film" (am Freitag 6.11.) ist als filmische Zeitreise durch Berlin konzipiert. Es werden Ausschnitte aus nunmehr 114 Jahren Filmgeschichte "on location" auf den Monitoren präsentiert. Hintergründe zur Geschichte der Kinematographie, Dreharbeiten und Dramaturgien erhellen den Produktionsprozess. Dabei dokumentieren die Kino-Klassiker nicht nur den steten Wandel der Metropole, sondern zementieren ihren Platz in der Filmgeschichte. "Berliner Mauer im Film"  (am Sonntag 8.11.) führt zu ehemaligen Mauerstandorten, parallel werden über Monitore den Orten entsprechende Filme und Dokumente sowie passende Filmausschnitte gezeigt, die einst an diesen Orten gedreht wurden. Ein Location Scout und eine Filmwissenschaftlerin erklären sowohl historische als auch aktuelle Zusammenhänge. Die Rundfahrt zeigt das Berlin von heute und illustriert es mit den einstigen Realitäten der Mauerzeit.

Das Projekt Ostfront / Westfront wird gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Medienboard Berlin Brandenburg und der DEFA-Stiftung.

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