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10. Internationales Kurzfilmfestival Berlin 1992

Babylon, Volksbühne, Im Eimer, Friseur der Botschaft.

1992 fand das 10. Festival im Filmkunsthaus Babylon statt und war eher retrospektiv angelegt. Zu sehen waren Programme aus Russland und der ehemaligen DDR. Im aktuellen Wettbewerb standen Filme aus Kuba, Japan und Dänemark im Mittelpunkt. Auch Filme von Lars von Trier und Nanni Moretti wurden gezeigt.

INTERVIPFILM SPECIAL widmet sich zum einen in einer Retrospektive dem Super-achtfilm, zum anderen wurden Filmemacher aus Japan, Russland, Dänemark, England, Kuba und Österreich eingeladen, um ganze Programmblöcke vorzustellen.

In 5 Programmblöcken werden gemischt neue und alte Film- und Videoproduktionen aus aller Welt gezeigt. Nani Moretti und Lars von Trier sind mit ihren Erstlingswerken vertreten und auch Performances und Installationen sind wieder im Programm. Es gibt das Filmemacherfrühstück, Diskussionen und Parties und Gäste aus 14 Ländern und 4 Kontinenten werden auf dem Festival anwesend sein. Aus Platzmangel konnten wir leider nicht alle die Filme zeigen, die wir zeigen wollten oder in einem retrospektiv angelegten Programm hätten zeigen sollen.

Unter vielen die nicht genug vertreten sind, möchte ich die "Teufelsbergfilm Produktion", die "Brigade Zeitgewinn" und die "Film und Pfennig Produktion" aus Berlin, die "Schmelz Dahin" Gruppe aus Bonn und die "Alten Kinder" aus Bielefeld erwähnen, wie auch Michael Krause, Jo Schäfer, Katarina Peters, Klaus Dörries, Dirk Baranek, Christoph Janetzko, Axel Brand und Annette Maschmann, Diego Risquez, Cesary Javorski, Rox Lee, Atoine Strip Pick es, Virginia Murray, Paul Garrin und viele mehr. Diese Liste könnte man noch weiterführen und ich hoffe, daß sich trotzdem niemand übergangen fühlt.

Nach 11 Jahren nun liegt es alleine beim Senator für kulturelle Angelegenheiten, dem Festival eine Chance zu geben weiterbestehen. zu können. Mit der bisherigen, minimalen finanziellen Unterstützung ist dies nicht mehr zu bewältigen. Berlin und die Filmlandschaft ist groß genug, um außerhalb der Berlinale sich ein eigenständiges und schon etabliertes Filmfestival leisten zu können, ja es besteht sogar die Notwendigkeit eines internationalen Filmfestivals wie wir es sind" welches sich dem jungen, unabhängigen Film, im besonderen dem Kurzfilm widmet, da die Berlinale dies nur in unverhältnismäßigem Rahmen tut. Es genügt nicht, daß man in Berlin über Verbesserungen zur Förderung des No/Low-budgetfilm redet, sondern diese Filme m´üssen auch ein Forum haben, auf dem sie gezeigt werden und auf dem auf internationaler Ebene ein Austausch stattfinden kann.

Trailer

Programm

  • Programm DDR Der Super 8-Film in der DDR
  • Programm Japan Unabhängige Filmemacherinnen in Japan
  • Programm Kuba Neue Kubanische Kurzfilme und Videos
  • Programm Dänemark Experimentalfilme in Dänemark
  • Programm Russland Neue Russische Kurzfilme
  • Lesbisch / Schwule Filmnacht
  • Programm Mark Adrian Mark Adrian und seine Filme
  • Programm Lars von Trier Lars von Trier- Images of a Relief
  • Programm Nanni Moretti Nanni Moretti - Ich bin ein Autarkist
  • Programm Kassandra Wellendorf
  • Programm Tony Hill
  • Videoprogramm
  • Filmprogramm 1
  • Filmprogramm 2
  • Filmprogramm 3
  • Filmprogramm 4
  • Ein Super-8-Film von 11 Filmemachern Die Freiheit hat etwas Ansteckendes
  • Alle Macht der Super 8 Berliner Super 8 Undergroundfilmer stellen sich vor
  • Projekt über Nacht berühmt Projekt (Filme aus Österreich, Kanada / Deutschland)
  • Ein Film in 13 Episoden Heimat von OYKO
  • Wo waren die wilden 60er Jahre? Ein Paket von 8mm-Filmen
  • Special Effects im Super 8-Film Ein Paket von 8mm-Filmen
  • Sonderprogramm ANGELIKA Fünfzehn kurze Filme
  • Performances Think Global; Do Local Der Projizierte Klang Installation Tantalus

Der Super 8-Film in der DDR

Die Bedingungen waren abenteuerlich. Es gab in der DDR vornehmlich russische Kameras zu kaufen, solche zum Aufziehen. Der 30-Sekunden Schnitt-Rhythmus herrschte vor. Keine Tonspur! Angesichts des Zensur-Diktats wirkt dies fast wie ein Abkommen: Die Ambivalenz der Bilder wurde nicht durch das gesprochene Wort aufgeschreckt. Wagner oder Live-Musik feuerten die Bilder an, aber selten ein Wort. Die Projektoren (der Alptraum Meos-Duo), laut und berüchtigt für ihre Filmfreßgier, wurden parallel von Kassettenrekordem begleitet. Die Bild-Ton-Synchronität mußte dem Zufall überlassen bleiben; jede Vorführung geriet zu einer Premiere. (Abenteuer Nr.2: Die Tatsache, daß Einzelschaffende mit einer Kamera das Leben durchforsten, trieb einfache Bürger und freiwillige Helfer in Panik. Die schwarze Liste all dessen, was nicht gefilmt werden durfte, lag nicht vor, war aber lang. Etwa alles, was sich nicht als touristisch ausweisen konnte.)

Aber technisch katastrophale Bedingungen, die Versammlung von Widerständen und Sperrzonen, begündeten den waldigen "Charme" der Bilder. Da werkelten mit selbstgebastelten Apparaturen vielleicht 30 Superachtler in ihrem Kämmerlein, die lange nichts voneinander wußten, bis 1987 das erste Festival an der Dresdner Kunsthochschule initiiert wurde. Die Überraschung war groß, republikweite Gleichgesinnte zu treffen. Erstmalig ließen sich Parallelen und Linien aufzeichnen: Vornehmlich herrschte der abstrakte Film vor, der die Sinfonien der Großstädte in Bewegung trat - per Doppelprojektion, als sentimentale Schnulze, gespickt mit Ungeziefer, monumental. Der Gleichschritt der Paraden, die senilen Wink-und Klatschrituale, die gefeierte Durchindustrialisierung des Landes, Massenaufläufe fragten nicht nach dem Einzelnen.

Aber mit einer Super 8-Kamera konnte man diesem begegnen und seine eigene Bilderwelt entgegensetzen. Die Militanz des Alltages übersetzte sich in eine geschleuderte, wütende Montage. Müllberge, verrottete Industrie, zerfallene Häuser waren beliebte Sujets. Diese Ästhetik des Morbiden reflektierte den Geisteszustand des Landes am sinnfälligsten. Angesichts der handelsüblichen DEFA-und Aktuelle-Kamera-Versionen setzte hier die Provokation an. Eine weitere Tendenz: kleine Geschichten, die von Mord, Beamten und Ehen erzählten. Der Mangel an Sprache führte zum Rückgriff in die Stummfilmästhetik, wie die Einblendung von Schrifttafeln sowie der (dramaturgisch oft maßlose) Einsatz von illustrierender Musik. Kleine Filme, die mit dem Genre-Kino spielten und einfach der Lust am Filmemachen frönten. Politische Inhalte stellen eher die Ausnahme. Vollgestopft mit den 'Errungen-schaften des Sozialismus" herrschte die Sehnsucht nach Privatem und Individuellem vor - und stellte damit gleichzeitig wiederum einen Affront dar.

Ein beträchtlicher Teil der Filmemacher kam nicht vom Film, sondern von der Bildenden Kunst. Diese Bildergewaltigen prägten die Szene ganz wesentlich; es galt die Arbeit mit dem Material, (hemmungslos wurde die Bildo-berfläche zerkratzt, eingefärbt, übermalt, Biokulturen ausgesetzt), die Einbindung in Performances, Ausstellungen und multimediale Veranstaltungen. Hierbei kam sich der Super-8-Film oft selbst am nächsten - nämlich weder als Ersatz für nicht vorhandene Videotechnik oder Heimkino, sondern als Sprachsuche der Subkultur, als Experiment, als Bürgerschreck. Nicht weniger aufregend ließe sich über all den Hickhack und die Absurditäten des Kampfes um die Aufführungen von Super-8-Filmen in jedweder Form berichten.

Literatur blieb begrenzt durch das Fehlen jeglicher Kopiermöglichkeiten, Bildende Kunst elitär eingezirkelt, Theater offiziell observiert, Fotografie auf stumme Dokumente begrenzt. Aber Filme, die schon laut Lenin als Massenmedium propagandistisch das wirksamste Instrumentarium darstellten, bedurften neuer Strategien. Kurzfristig untersagte Veranstaltungen, Konfizierungen, der Versuch über die Einführung von "Filmbegleitkarten", die staatliche Kontrolle wieder zu gewinnen, sind nur Beispiele und konnten am Ende das im Hinterhof aufgespannte Bettlaken und das Knattern der Projektoren nicht verhindern. Die Maschinerie der Verhinderung stand nie im Verhältnis zur Bescheidenheit der Filme. Das völlige Unwissen über die Geschichte des "undergroundfilms" andernorts und zu anderer Zeit, setzte als einzigen Maßstab die eigene Befindlichkeit an. Eine gewisse Unbekümmertheit blieb nicht aus.

Es gab eine richtige, kleine Super 8-Welt: eigenes Festival, eigene Zeitung (Koma-Kino - Auflagenstärke: 20 Stück, handvervielfältigt), eigene Kritiker und einen lebhaften Empfehlungsaustausch, wenn sich irgendwo die Möglichkeit des Zeigens auftat. Heute hat sich diese Szene ins vollkommene Nichts aufgelöst. Außer Revivals bleiben nur die Bilder einer versunkenen Welt.

Cornelia Klauß